Der Weg zum Guru (in eine Psychosekte und wieder raus)

Eine gekürzte Einführung von Wolfgang Rühle, http://www.sekteninfo-sachsen.de

1. Gesucht und gefunden oder geworben?

Ein weit verbreiteter Irrtum ist die Fiktion des Suchers, die besagt, dass Menschen, die einer Sekte/Psychogruppe beitreten, auf der Suche nach genau dieser gewesen seien. Mit der Darstellung, die Mitglieder einer Psychogruppe hätten selbst nach genau dem Guru o.ä. gesucht, wird die aktive Rolle von Sekten und ähnlicher Gruppierungen bei der Rekrutierung von Mitgliedern verharmlost.

Zahlreiche Untersuchungen und Erfahrungsberichte zeigen, dass der Beitritt zu einer Sekte in der Regel das Ergebnis eines aktiven Werbeprozesses der Gruppe ist. Dabei werden vor allem Personen angeworben, die sich gerade in einer für sie schwierigen Lebensphase (Trennung vom Partner, Probleme im Beruf, depressive Phasen) oder in einer Umbruchsituation (nach dem Schulabschluss auf der Suche nach eigenen Wegen, zwischen zwei Lebensabschnitten…) befinden. Betroffen sind dabei vorrangig Personen bis Mitte Dreissig. Doch nicht nur, es ist jeder gefährdet.

Weder Ausbildung noch Alter oder Beruf schützen ihn davor. Der sechzehnjährige Schüler wird genauso schnell zum Opfer wie der fünfzigjährige Manager. Und die Gefahr, in die Fänge dubioser Psychotrainer oder Psychokulte zu geraten, lauert überall. Die einen besuchen ein entsprechendes Persönlichkeitstraining, die anderen geraden über die Einla¬dung eines Freundes und einen Informationsabend völlig ahnungslos in einen Psychokult.(1)

Oftmals ist nur ein Schritt in dieser Richtung der eine Schritt zu viel.

Gunther Klosinski schreibt in seiner Untersuchung über Hintergründe und Motive des Beitritts zur Neo-Sannyasin-Bewegung: “Auffallend häufig berichteten die Interviewten, dass die Begegnung und der Kontakt mit Sannyasins für ihren Weg hin zu Bhagwan von entscheidender Bedeutung waren. Die bereits Konvertierten wurden als Vorbilder erlebt, von denen angenommen wurde, sie seien schon weit in ihrer Selbstverwirklichung fortgeschritten, die es anzustreben gelte. Dieses Vorbilderleben als ‘Initialzündung für den Konversionsprozess’ kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.”(5)

2. MIR passiert das NICHT!

Mit raffinierten psychologischen und sozialen Beeinflussungsmethoden werden die Mitglieder gewonnen und an die Gruppe gebunden. Dies geschieht in der Regel behutsam über einen längeren Zeitraum, von den davon Betroffenen selten wahrgenommen, meist aber immer nach dem gleichen Grundmuster.

  • Gewachsene soziale und persönliche Bindun¬gen werden systematisch in Frage gestellt und zerstört. In der Regel werden vor allem die Eltern und enge Freunde als Ursprung allen Übels verdammt.
  • Es werden zielgerichtet Zweifel an der eigenen Persönlichkeitsstruktur aufgebaut und damit der Sinn des bisherigen Lebens in Frage gestellt. Es wird eine Identitätskrise herbeigeführt.
  • Die entstehende innere Leere, die herbeigeführte Orientierungslosigkeit wird umgehend mit neuen, unantastbaren Erfahrungen ersetzt und damit für die betroffene Person eine neue Realität geschaffen.

Margaret Thaler-Singer schreibt hierzu:

Diese Attacke auf den innersten Kern einer Person, auf das Selbstkonzept eines Menschen und auf seine Fähigkeit der Selbstein¬schätzung ist der entscheidende Hebel, den die neueren Programme ansetzten. Hinzukommt, dass diese Attacke unter verschiedenen Deckmänteln und Umständen durchgeführt wird und sich ganz selten direkten physischen Zwangs bedient. Vielmehr handelt es sich um einen ebenso subtilen wie durchschlagenden psychologischen Prozess der Destabilisierung und der forcierten Abhängigkeit.(2)

Dieses System der psychischen Manipulation funktioniert. Menschen, die manipuliert werden, fühlen sich niemals manipuliert.

3. Das Problem betrifft nicht nur Wenige

Die Ausbreitung von Sekten und Psychogruppen, deren Wirkung auf Einzelpersonen, Familien und zunehmend auf Politik und Wirtschaft hat in den letzten zwei Jahrzehnten eine neue Dimension erreicht, ohne das dies von der breiten Öffentlichkeit registriert wurde.

Die Schädigung von Einzelpersonen und die Zerstörung familiärer Strukturen, die nicht selten mit fast krimineller Energie betrieben wird, ist schon schlimm genug. Dass mit Sekten aber — in den verschiedensten Schattierungen — totalitäre Sozialstrukturen (derzeit verstärkt erfolgreich) in unsere Gesellschaft eindringen, sollte uns aufhorchen lassen.

Gerade in Deutschland konnte damit leider ausreichend Erfahrung gesammelt werden. Grund genug für jeden, dem seine Freiheit am Herzen liegt, bereits den Anfängen zu wehren. Das ist nicht einfach, denn Betroffene stossen in der Regel in ihrem Umfeld auf Unverständnis (… wie kann man nur so dumm sein?) und werden oft nicht ernst genommen. Doch nicht der Einzelne versagt, es ist die raffinierte Manipulation, mittels der er ohne es zu merken, mental umprogrammiert wird.

Der einzige Ausweg heisst Aufklärung. Wer weiss, wie Psychoanbieter manipulieren, fällt nicht mehr so schnell darauf herein. Das gilt allerdings nur vor dem Training. Wer sich erst einmal auf den Prozess einge¬lassen hat, hat so gut wie keine Chance mehr. Denn wer kritisiert, stört und wird daher persönlich niedergemacht oder gleich rausgeschmissen.(3)

4. …

5. Warum nicht einfach gehen?

Menschen, die in die psychologischen und sozialen Zwänge einer Sekte oder Psychogruppe geraten sind, fällt es schwer, sich aus diesen für viele unsichtbaren aber wirkungsvollen Fesseln zu befreien. Was ist diesen Menschen widerfahren?

  • Täuschung während der Anwerbungsphase und während der gesamten Dauer der Zugehörigkeit zur Gruppe. In den meisten Sekten oder Gruppen wird den Mitgliedern gesagt, dass sie sich selbst ändern müssen, wenn die Glaubensüberzeugung der Gruppe wahr werden sollen und dies führt allmählich zu radikalen Veränderungen der Gedanken und Handlungen, ohne dass sich die Gruppenmitglieder dessen bewusst werden.
  • Entkräftung wegen der langen Arbeitszeiten, dem massiven Gruppendruck, der inneren Beschränkungen und dem inneren Kampf.
  • Abhängikeit wegen der Abschirmung von der Aussenwelt, Gruppendruck und Informationsmangel.
  • Angst wegen der von der Gruppe eingeimpften Überzeugung, dass der Betroffene ausserhalb der Gruppe nicht mehr existieren kann.
  • Abstumpfung: Dinge, die früher als belastend empfunden wurden, wirken nicht mehr so. Der Umgang mit gewöhnlichen Dingen des Alltages wie Geld, Überzeugungen, Umgang mit sozialen Kontakten, treffen eigener Entscheidungen usw. muss neu erlernt werden.
  • Die stärkste Fessel dürfte die Glaubensüberzeugung sein, egal ob religiöser, politischer oder anderer Art. Das damit verbundene Gefühl einer Verpflichtung (der Gruppe gegenüber) ist zwanghaft. Des weiteren sind die meisten Menschen loyal. Wenn sie sich zu etwas entschlossen haben, dann werden sie dem nicht so leicht wieder untreu. Wer umkehren will, braucht Mut. Es ist nie einfach, zuzugeben, den bisher falschen Weg gegangen zu sein.
  • Für jeden von uns ist es faszinierend, Überzeugungen und Ideen in die Tat umzusetzen. Wir brauchen (Glaubens-) Überzeugungen, um die Welt und unsere täglichen Probleme zu verstehen und zu bewältigen. Was wir nicht brauchen, ist die Manipulation unseres Glaubens durch wen auch immer.

Unter Manipulation verstehen wir dabei, dass die Sachinformation einseitig und tendenziös, die Selbst¬darstellung (der Gruppe) darauf gerichtet ist, bei dem Betroffenen eine bestimmte Wirkung zu erzielen.

6. Der Weg zurück

Er ist keine Utopie, mit Sicherheit aber auch nicht alltäglich. Die Gründe, eine Psychogruppe zu verlassen können unterschiedlich sein:

  • eigene negative Erfahrungen im Handeln der Gruppe,
  • Diskrepanzen zwischen tatsächlichem Handeln und Bewusstseinsanspruch der Gruppe oder einzelner Mitglieder;
  • Ausschluss aus der Gruppe durch die Leitung,
  • Informationsaustausch mit der „Aussenwelt“, der vorhandene Zweifel an dem Gruppenbild verstärken kann.

Wege zurück dürfte es ebenso viele geben wie Mitglieder in Psychogruppen. Eines haben wohl aber alle gemeinsam: Allein stehen sowohl Betroffene als auch das damit konfrontierte Umfeld ziemlich auf verlorenem Posten. Schon die Herausforderung, nach dem Aufenthalt in einer solchen Gruppe wieder eigene Entscheidungen zu treffen und eigene Wege zu gehen, den ungelösten Problemen aus der Zeit vor der Gruppe wieder zu begegnen und dann vielleicht einem ablehnenden, zumindest distanziertem neuen Umfeld zu begegnen, dürfte die Kräfte vieler übersteigen.
Hilfe brauchen in einem solchen Prozess wohl alle Aussteiger, zumindest sachkundige Anleitung oder Unterstützung wohl aber auch die Menschen in ih¬rem neuen (vielleicht auch alten?) Umfeld.
Bevor es aber überhaupt dazu kommt, muss der Betroffene selbst erst einmal eine für ihn schwierige Entscheidung treffen. Die Entscheidung, eine Psychogruppe zu verlassen, ist ein für nicht Betroffene kaum nachvollziehbarer Kraftakt. In vielen Fällen gehen solchen Entscheidungen einschneidende persönliche Erfahrungen voraus. Die Begleitung von Aussteigern ist ganz bestimmt kein Thema für Laienkünstler, psychologische Berater mit Kurzzeitausbildung und irgendwelche Trainer und Heiler mit zweifelhaften Ausbildungen und Erfahrungen. Dazu sind Fachleute mit ausreichend Erfahrung gefragt.

Und doch kann jeder seinen Beitrag leisten:

  • hinsehen statt wegschauen,
  • auf Betroffene zugehen, statt ihnen den Rücken zukehren,
  • versuchen zu verstehen, statt zu ignorieren!

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Bibliographie
(1) Schwertfeger, Bärbel :
Der Griff nach der Psyche. Frankfurt/Main; New York: Campus-Verl., 1998 S.38
(2) Margaret Thaler Singer / Janja Lalich:
Sekten. Wie Menschen ihre Freiheit verlieren und wiedergewinnen können. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme, Verl., 1997 S. 91
(3) vgl. hierzu: Schwertfeger, Bärbel: Der Griff nach der Psyche. Frankfurt/Main; New York: Campus-Verlag, 1998
(4) vgl. Singer, a.a.O. 5. 228— 230.
(5) Gunther Klosinski
Warum Bhagwan? Kösel- Verlag München 1985

Unter Psychogruppen abgelegt.
Am 18. Juni 2007 veröffentlicht. Noch kein Kommentar

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6. Oktober 2009

Spiritualität und Focusing