Psychosekten und wie Sie diese erkennen

Die bekannte amerikanische Sektenexpertin Margarete Singer gibt in ihrem Buch

„Sekten: Wie Menschen ihre Freiheit verlieren und wiedergewinnen können“

eine eindrückliche Beschreibung, wie Sekten funktionieren. Dabei langweilt sie ihre LeserInnen nicht mit theologischen oder etymologischen Abhandlungen, sondern führt den Begriff der “Sektenbeziehung” ein, um auf anschauliche Weise die in solchen Gruppen ablaufenden Interaktionsprozesse zu beschreiben. Singer zufolge zeichnet sich eine „Sektenbeziehung“ darin aus, dass

… eine Person bewusst und gezielt auf andere einwirkt, um sie in allen wichtigen Lebensentscheidungen vollständig oder beinahe vollständig von sich abhängig zu machen, und die Anhänger glauben macht, sie verfüge über eine besondere Gabe oder außergewöhnliches Wissen. (Singer, M.T. & Lalich, J., 1997, S. 3)

Wie kommen aber Menschen in eine solche Abhängigkeit? Singer’s Antwort leuchtet ein, wenn sie schreibt:

Ich selber habe festgestellt, dass es vor allem zwei Bedingungen sind, die eine Person für die Anwerbung durch eine Sekte besonders anfällig machen, nämlich Depressionen und Übergangssituationen. (Singer, M.T. & Lalich, J., 1997, S. 49)

Singer macht auf Bedingungen aufmerksam, die im Leben eines Jeden zum normalen Erleben gehören. Wer von uns war noch nie niedergeschlagen oder traurig wegen eines Verlustes? Wer hatte noch nie Liebeskummer oder wurde von einem Freund enttäuscht und verraten? Wenn in solcher Zeit des Niedergeschlagenseins jemand kommt, der Wärme und Zuneigung suggeriert, dann ist wohl mancheiner gerne bereit, in die scheinbar offene Hand einzuschlagen und diese festzuhalten.

Wenn sich dann später herausstellt, dass diese scheinbar so offene Hand von einer Person ausgestreckt wurde, die die momentane Unsicherheit erkannt und benutzt hatte, Macht und Herrschaft über einen zu erlangen, dann kommen zu dieser Erkenntnis noch Scham und Selbstvorwürfe hinzu. Diese Gefühle hindern wiederum die Betroffenen daran, einen Schlussstrich unter solcher Abhängigkeit zu machen. Darüber hinaus sind sie oft nicht mehr in der Lage, das verwerfliche Tun ihres „Wohltäters“ zu durchschauen, gleich wie ein Kind lange den Missbrauch einer nahen Bezugsperson leugnet, um die Beziehung nicht zu gefährden.

Aus dem Umgang mit ehemaligen Sektenmitglieder und betroffenen Angehörigen weiss man, dass Sektenmitglieder in der Regel ohne fremde Hilfe aus diesem Teufelskreis von Abhängigkeit, Scham und Selbstvorwürfen alleine nicht mehr herausfinden. (die obig gemachten Ausführungen stammen teilweise aus einer Rezension von Winfried Müller)

Kein Wunder, dass „Sektenbeziehungen“ nicht nur im religiös-spirituellen Bereich vorkommen, sondern besonders auch auf dem Gebiet der Lebenshilfe, Psychologie und Psychotherapie. Dort können leicht Gruppierungen entstehen, die in Abhängigkeit einer Führungspersönlichkeit gelangen, welche die Bedürftigkeit ihrer Klienten missbraucht und/oder noch verstärkt.

Wie können nun solche Gruppierungen erkannt werden? Aus der vergleichenden Betrachtung von Organisationen, die von Aussteigern als sektenhaft beschrieben wurden, sind folgende Sektenmerkmale gewonnen worden (aus www.relinfo.ch):

  • Es gibt eine Führungspersönlichkeit, deren Aussagen nicht hinterfragbar sind und der allfällige Verehrung zukommt
  • Regulationen für viele Bereiche des Lebens
  • (institutionalisierter oder informeller) Kontrollmechanismus zur Überwachung des Verhaltens der einzelnen Mitglieder
    Elitebewusstsein der Organisation
  • Innen-Aussen-Spaltung mit Abwertung der Aussenwelt, eine systematische Abwertung des bisherigen Lebens
  • Endogamie, d.h. ein Verbot oder die Ächtung von Liebesbeziehungen mit Aussenstehenden. Häufig auch Regelung der intimen Beziehungen innerhalb der Gruppierung
  • hohe zeitliche Inanspruchnahme der Gruppenmitglieder
  • z. T. auch weitgehende Ausbeutung der finanziellen Ressourcen der Mitglieder…

Zur schnellen Prüfung der Sektenhaftigkeit von Gruppierungen haben sich auch folgende drei Merkmale bewährt, die gemeinsam gegeben sein müssen, um bei einer Gemeinschaft hohe Sektenhaftigkeit erwarten zu lassen:

  • eine Führung, die von den Mitgliedern nie kritisiert wird
  • Regulationen für alle Bereiche des Lebens
  • Kontrolle der Beachtung dieser Regeln entweder formell oder informell

Wenn Sie anhand der obig aufgeführten Merkmale eine sektenartige Gruppierung identifizieren, ist allerhöchste Vorsicht geboten! Sprechen Sie in diesem Fall mit Freunden und Bekannten, die mit der Gruppierung nichts zu tun haben, oder, noch besser, wenden Sie sich an eine Institution, die auf Sektenprävention spezialisiert ist, z.B.

www.infosekta.ch
www.relinfo.ch
www.religio.de
www.sekteninfo-sachsen.de

Thaler Singer, M. & Lalich, J. (1997). Sekten: Wie Menschen ihre Freiheit verlieren und wiedergewinnen können. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag.

Unter Psychogruppen abgelegt.
Am 30. Juni 2007 veröffentlicht. 1 Kommentar

Ein Kommentar zu “Psychosekten und wie Sie diese erkennen”

David Eldred

PatientInnen können sich von Psychotherapeuten, die in einer Sekte tätig sind, schützen, in dem sie nach Transparenz zwischen Patient und Therapeut verlangen. Eine Qualitätsverifikation höchster professioneller Leistung sollten, bzw. müssen Psychotherapeuten ihrer Patienten gewährleisten.
“Self-empowerment” („Selbstbefähigung) sollte das primäre Ziel eine Psychotherapie sein und als höhere Priorität gesetzt werden als die Genesung der Symptome selber. Selbstbefähigung beginnt in der ersten Behandlungssprechstunde, in dem der Patient / die Patientin Antwort auf folgenden Anleigen freiwillig von ihrem Psychotherapeut / ihrer Psychotherapeutin erhalten..

“Kodex der Transparenz” zwischen Patient und Therapeut

• Therapeutische Ziele, Behandlungsbereiche, die zu erwartenden Wirksamkeit und die mögliche Zeitdauer des therapeutischen Einsatzes – auch im Vergleich mit anderen Ansätzen – werden in den ersten Stunden der Therapie kurz präsentiert.
• PatientInnen werden regelmässig ermutigt, über die Erfahrung und Inhalte der Stunden zu reflektieren und Qualität sowie Fortschritt der Therapie selber zu evaluieren.
• Das Recht der PatientInnen, eine Therapie jeder Zeit zu beenden, wird am Anfang klar und neutral diskutiert.
• Die Vor- und Nachteile von Psychopharmaka werden sachlich präsentiert.
• PatientInnen werden über die zu erwartende Linderung der Symptome sowie den Fortschritt der Therapie informiert. Wenn Fortschritt anscheinend ausbleibt, erhalten sie eine Erklärung ohne jeglichen Schuld- oder Selbstverantwortungszuweisungen (z.B., dass der Patient selber Widerstand leistet). Eine Schuldzuweisung oder jeglicher Druck von der Fachperson um die Psychotherapie zu verlängern, ist ein sofortiger Grund, die Psychotherapie abzuschliessen.
• Wenn die Therapie stagniert, werden die PatientInnen ermutigt, offen über alternativen Behandlungs- oder Selbsterfahrungsmethoden (auch ausserhalb der Psychotherapie) oder eine vorübergehende Pause zu reflektieren.
• PatientInnen werden informiert, dass sie das Recht haben, eine zweite Meinung einzuholen.
• PatientInnen bestimmen, wie oft sie in eine Therapie kommen. Natürlich deklariert die Psychotherapeuten die Frequenz, welche sie angesichts der professionellen Ethik, des Krankheitsbildes sowie ihrer eigenen Praxis-Planung akzeptiert. Aber letzten Endes sind die Patienten frei, die Frequenz-Bedingungen der TherapeutInnen abzulehnen oder zu akzeptieren.
• Die Patientin / der Patient darf die Fachperson nach eine Bestätigung der Supervisionsstunden, welche bei anerkannten Fachleuten wird nachgewiesen.
• PsychotherapeutInnen verifizieren, dass sie keine persönliche Beziehung zu den Supervisoren pflegen.

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6. Oktober 2009

Spiritualität und Focusing