Hilfe bei Suizidalität

Nachdenklich stimmende Zahlen
Präsuizidale Entwicklung
Gründe für Suizidalität
Hinweise für eine Suizidgefährdung
Ein Gespräch kann nie falsch sein
Professionelle Hilfe
Hilfe für die Hinterbliebenen

In meiner psychotherapeutischen Praxis begegne ich immer wieder Menschen, die aufgrund einer inneren und/oder äusseren Not nicht mehr leben wollen und manchmal sogar daran denken, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Häufig sprechen sie in der Praxis nicht von sich aus davon, dass sie solche Gedanken oder Absichten haben, denn das Thema Suizid ist mit einem grossen Tabu belegt. Gerade deshalb soll man sich nicht davor scheuen, eine mögliche Suizidalität anzusprechen und mit der gebotenen Einfühlsamkeit, aber doch klar beim Wort zu nennen (siehe weiter unten: Ein Gespräch kann nie falsch sein).

Dies bedeutet zwar nicht, dass jede Person, die Suizidgedanken hegt, in unmittelbarer Gefahr schwebt. Aber gerade, weil dieses Thema so viel Scheu und Unbehagen auslöst, besteht die Gefahr, dass suizidale Menschen mit ihren Todesgedanken alleine bleiben und noch weiter in die Isolation abrutschen, noch tiefer in die Suizidalität.

Nachdenklich stimmende Zahlen

Hier in der Schweiz nehmen sich zwischen 1300 und 1400 Personen jährlich das Leben – 1 bis 2 Prozent aller Todesfälle. Überhaupt liegt die Suizidrate in der Schweiz deutlich über dem weltweiten Durchschnitt. Ein Vergleich der Todesursachen zeigt zudem, dass die Todesfälle durch Suizid häufiger sind als alle durch Verkehrsunfälle, Aids und Drogen bedingten Todesfälle zusammen. Suizid ist heutzutage bei den 15- bis 44-jährigen Männern die häufigste Todesursache. Das Erschreckende dabei ist, dass 42% aller Suizidenten noch in der Woche vor ihrem Tod ihren Arzt aufgesucht haben. 16% sind es, die zwei Tage vor ihrem Tod noch beim Arzt waren. 80% der Suizide werden vorangekündigt, und doch werden diese Ankündigungen häufig überhört.

Solche Zahlen stimmen nachdenklich. Denn es ist meist nicht so, dass Suizide einfach aus heiterem Himmel geschehen. Es gibt Anzeichen dafür, die, wenn erkannt, auch thematisiert werden können. So weist z.B. die Situation, aus der ein Suizid entsteht, fast immer depressive Grundzüge auf. In vielen Fällen sind es Lebensumstände wie Arbeitslosigkeit, Einsamkeit und Beziehungskrisen, die zur depressiven Gestimmtheit und zu Suizidabsichten führen. Und abgesehen von den eher seltenen, impulsiv durchgeführten Suizidhandlungen, gibt es meist vom ersten Todeswunsch bis zur Suizidhandlung eine längere, präsuizidale Entwicklung.

Diese zeichnet sich durch eine zunehmende Einengung der Wahrnehmung, der Werte und Gefühle aus und führt dabei zu einer extrem erlebten Ausweglosigkeit. Die Entwicklung verläuft meist in drei Stufen.

Präsuizidale Entwicklung

1. Stadium: Erwägung
Der Suizid wird als mögliche Lösung aller Probleme und Schwierigkeiten in Betracht gezogen. Bleibt die Situation, der Zustand unverändert und wird keine Hilfe in Anspruch genommen, kommt es in der nächsten Phase zu einem Abwägen von lebenserhaltenden und suizidalen Impulsen.

2. Stadium: Ambivalenz
Selbsterhaltende und selbstzerstörerische Kräfte stehen während diesem Stadium miteinander in Konflikt. In dieser Phase kommt es häufig zu direkten Suizidankündigungen, die als Hilferufe gelten und leider allzu oft ignoriert oder nicht ernst genommen werden.

3. Stadium: Entschluss
Die betroffene Person hat sich entschieden. Gleichgültig, ob die Lösung das Weiterleben oder den Suizid bedeutet, wirkt die Person auf ihre Umgebung häufig entspannter. Die scheinbare Beruhigung wird oft falsch verstanden, denn manchmal handelt es sich lediglich um die “Ruhe vor dem Sturm“. In dieser Phase kommen direkte Suizidankündigungen seltener vor. Stattdessen werden diesbezüglich indirekte Andeutungen gemacht.

Gründe für Suizidalität

Suizid-Risikofaktoren
Es gibt keine Krankheit und keine Umstände, die zwangsläufig zum Suizid führen, aber es gibt Anfälligkeiten, Krankheiten und belastende Ereignisse, die die Wahrscheinlichkeit suizidaler Gedanken und Handlungen bei manchen Menschen und in manchen Lebenssituationen erhöhen. Es gibt auch unterschiedliche Gründe und Motive, warum Menschen nicht mehr weiter leben wollen. Selten findet sich nur eine Ursache, sondern es handelt sich meist um ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren, die letztendlich zur Selbsttötung führen.

Psychische Erkrankungen
Viele Suizidversuche und Suizide finden allerdings vor dem Hintergrund psychischer Störungen statt. 50% aller Suizidenten haben an einer Depression gelitten, wobei die Kombination von Depression und Substanzmittelmissbrauch ein besonderes Risiko darstellt. Auch Menschen mit Schizophrenie und Persönlichkeitsstörungen sind in einem höheren Masse suizidgefährdet. Bei all diesen Fällen ist professionelle Hilfe und die Behandlung der Grundkrankheit unerlässlich.

Ereignisse, die zu krisenhaften Entwicklungen und Suizidalität führen können

Traumatische Krisen
werden durch plötzlich auftretender Ereignisse, deren belastende Natur allgemein anerkannt ist, ausgelöst, z.B. den Tod einer nahestehenden Person, den Ausbruch einer lebensbedrohlichen Erkrankung, Trennungen und Verluste, plötzlicher Arbeitsplatzverlust und andere, für die jeweilige Person nicht erträglich scheinende Schicksalsschläge.

Lebensveränderungskrisen
werden durch Ereignisse, die zu veränderten Lebensumständen führen, z.B. das Verlassen des Elternhauses, Heirat, Umzug oder beruflicher Ab- wie auch Aufstieg ausgelöst, wenn sich die betroffene Person davon massiv überfordert fühlt. Dabei ist der Anlass der Krise für die Umwelt wie auch für die Betroffenen oft selbst nur schwer nachvollziehbar.

Traumata
sind schwere psychische und körperliche Belastungen, z.B. durch Gewalttaten, Unfälle oder Katastrophen, die Menschen unter normalen Umständen nicht erleben. Sie können besonders tiefgreifende und langwierige Folgen haben, da sie sehr häufig die normalen Anpassungsstrategien eines Menschen derart überfordern, dass sein psychischer Haushalt aus den Fugen gerät.

Burnout-Syndrom
bezeichnet einen besonderen Fall berufsbezogener (auch familiärer) chronischer Erschöpfung bis zum Versiegen der körperlichen und seelischen Ressourcen.

Hinweise für eine Suizidgefährdung

Menschen, die in akuter Suizidgefahr sind, müssen nicht immer vordergründig verzweifelt wirken. Es ist auch durchaus möglich, dass sie gereizt, vielleicht sogar aggressiv reagieren. Und in manchen Fällen wirken sie, wie bereits oben erwähnt, innerlich ruhiger und ausgeglichener, wenn sie für sich ihren Entschluss zum Suizid gefasst haben. Die Umwelt kommt dann zum trügerischen Schluss, dass es der betreffenden Person wieder besser gehe.

    Zeichen, die auf eine erhöhte Suizidgefahr hinweisen
  • sich aufdrängende Suizidgedanken
  • grosse Hoffnungslosigkeit
  • starke Schuldgefühle
  • starker Handlungsdruck (“Ich halte das nicht länger aus”)
  • zunehmender sozialer Rückzug
  • offene oder verdeckte Ankündigung (“Es wird aufhören, so oder so”)
  • Verabschiedung von Menschen
  • Verschenken von Wertgegenständen
  • Regelung letzter Dinge (Testament usw.)
  • Gereiztheit, Aggressivität
  • Vorbereitung suizidaler Handlungen (Sammeln von Tabletten, usw.)
    Zusätzliche Warnzeichen bei Jugendlichen
  • Schulleistungen werden schlechter, Konzentrationsschwächen
  • Feindseliges Verhalten, Reizbarkeit
  • Gefühl von Hilflosigkeit
  • Veränderte Essens- und Schlafgewohnheiten, Ruhelosigkeit
  • Weinen, Traurigkeit
  • Gespräch über Tod und Selbstmord

Wichtig ist auch die innere Gestimmtheit, die man als Gegenüber bei einer suizidgefährdeten Person erlebt. Brigitte Woggon beschreibt, dass bei einer Person, die den Entschluss zum Suizid gefasst hat, eine „affektive Leere“ spürbar wird, so, als sei der gefühlsmässige Kontakt zu ihr abgebrochen. Sie schätzt dieses Phänomen als allerhöchstes Alarmzeichen ein.

Das Auftreten von einzelnen der oben angeführten Signale und Alarmzeichen muss noch kein Hinweis auf eine konkrete Suizidgefährdung sein. Wenn aber eine Häufung von Alarmzeichen wahrgenommen wird und/oder eine aktuelle Belastungssituation vorliegt, muss gehandelt werden. Ob tatsächlich eine Gefährdung vorliegt, kann letztendlich nur durch ein Gespräch geklärt werden.

Ein Gespräch kann nie falsch sein

Generell kann nur geraten werden, über die Warnsignale, die auf eine suizidale Entwicklung bei einem Menschen hinweisen, nicht hinweg zu sehen. Bei einem Gespräch sollten mögliche Suizidgedanken und Suizidpläne offen und direkt angesprochen werden. Selber habe ich noch nie erlebt, dass jemand sich durch das Ansprechen einer allfälligen Suizidalität vor den Kopf gestossen fühlte. Stattdessen erlebten sich die meisten in ihrer Not ernst genommen und verstanden. Die Furcht, die vielerorts herrscht, dass man durch das Ansprechen der Suizidalität einen Mitmenschen auf falsche Gedanken bringen könnte, ist gänzlich unbegründet.

Natürlich kommt es auch drauf an, wie man mit der suizidgefährdeten Person umgeht. Wichtig ist, dass man

  • einen Kontakt zur Realität und sozialen Umwelt schafft. Dies kann verbal, aber auch mit Blickkontakt und (unverfänglichen) Berührungen (z.B. Händehalten) geschehen
  • Beziehung anbietet: „Persönlich bis Du mir wichtig und ich möchte, dass Du am Leben bleibst“
  • die Sichtweise und Gefühle der suizidalen Person ganz ernst nimmt: „Ja, es ist für dich schlimm!“
  • die Zwiegespaltenheit zwischen Leben- und Sterben nachvollzieht und aushält – auf keinen Fall moralisieren oder Vorwürfe machen
  • an Ressourcen anknüpft, z.B. erinnert, dass auch frühere Krisen bewältigt werden konnten, herausfinden, wie die Person das gemacht hat und sie in ihrer Kompetenz zur Lösung von Krisen bestärken … Immer auf vertraute und bewährte Strategien zurückgreifen – keine Rezepte predigen
  • der Person hilft, Bilder innerer Geborgenheit zu finden oder solche zu entwickeln. Sie können ein Gegengewicht zum inneren, destruktiven Strudel werden.
  • auf einer absolut verbindlichen Basis weitere Kontakte und Hilfe vermittelt
  • allenfalls gefährliche Gegenstände beseitigt: Waffen, Drogen, Medikamente, Rasierklingen, Scheren – in der Folge professionelle Hilfe vermitteln (siehe weiter unten)

Auf keinen Fall darf man der Suizidalität eines Mitmenschen mit Moralisieren oder religiös-sündigen Konzepten begegnen. Natürlich kann eine spirituell-religiöse Orientierung einem Menschen in seiner Not Halt verleihen. Vorsichtiges Nachfragen ist da durchaus legitim. Falsch wäre es aber, eine suizidale Person mit für sie sinnfremden Glaubenssätzen zu belasten. Jede Person in seelischer Not kann nur dort abgeholt werden, wo sie gerade steht. Dies ist die allerbeste Voraussetzung dafür, dass sie dort wieder heraus finden kann.

Professionelle Hilfe

Häufig wird es aber notwendig sein, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wenn man dies für erforderlich hält, soll das dem Betroffenen auch klar vermittelt werden. Die nachfolgende Zusammenstellung von professionellen Hilfestellen will keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern als „Türöffner“ zur ersten Hilfe dienen:

Personen jeden Alters
Telefonbeantworter jedes Hausarztes oder über den Auskunftsdienst der Swisscom 1811, wo man nach dem Notfallarzt seiner Region fragen kann.

Jugendliche
Jugendberatungsstellen, schulpsychologische Dienste, regionale und kantonale kinder- und jugendpsychiatrische Dienste etc. (Adressen im Telefonbuch oder z.B. über den Auskunftsdienst der Swisscom 1811)

Tel. 147
Beratungstelefon für Kinder und Jugendliche oder die entsprechende Homepage www.147.ch

Tel. 143
Die Dargebotene Hand und ihre Homepage www.143.ch

Elternnotruf
Hilfe für Eltern in Not:
Region Aargau: 062 835 45 50
Region Basel 061 261 10 60
Region Zug 041 710 22 05
Region Zürich 044 261 88 66
Region Ostschweiz 071 244 20 20
24h@elternnotruf.ch
www.elternnotruf.ch

Internetseelsorge
Bietet persönliche Hilfe von Fachleuten aus Theologie, Psychologie usw. an:
Email: seelsorge@seelsorge.net
SMS: 076 333 00 35 (Deutsch), 076 544 50 93 (Italienisch).

Vergiftung bzw. Vergiftungsverdacht
Über die Telefonnummer 145 gibt das Tox-Zentrum ärztliche Auskunft bei Vergiftungsverdacht. Informationen finden sich auch auf der Homepage www.toxi.ch.

Suche nach Psychologen /Psychotherapeuten
Beratungsschwerpunkte, Ort, Sprache usw. über www.psychologie.ch

Therapieplätze
Findet man auch beim Schweizer Psychotherapeuten-Verband / SPV: Tel. 043 268 93 75 oder www.psychotherapie.ch.

Hilfe für die Hinterbliebenen

Für die Hinterbliebenen ist ein Suizid unfassbar und ihr Leben ist oft nicht mehr, wie es einst war. Um mit dem Strudel von Gefühlen wie Fassungslosigkeit, Schmerz, Trauer, Schuld und Wut fertig zu werden und um selber weiterleben zu können, brauchen auch sie häufig dringend professionelle Hilfe. Der Besuch einer angeleiteten Selbsthilfegruppe kann zudem unterstützend helfen, den Weg ins Leben zurück zu finden. Der nachfolgende Link kann da weiter helfen www.verein-refugium.ch.

Unter Psychologie und Alltag abgelegt.
Am 6. August 2007 veröffentlicht. Noch kein Kommentar

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6. Oktober 2009

Spiritualität und Focusing