Spiritualität und Focusing

Übersicht
Spiritualität
Achtsamkeit
Focusing
Der felt sense
Fortsetzungsordnung
Fazit
Literatur

Übersicht

Die folgenden Ausführungen stellen den Versuch einer Verhältnisbestimmung zwischen Spiritualität und Focusing dar. Nach einer kurzen Beschreibung des Begriffs Spiritualität wird die Achtsamkeit als Zugangsweg zur spirituellen Einsicht vorgestellt. Im diesem Kontext wird auch das Focusing beschrieben. Zum Einen als Form einer körperbezogenen Achtsamkeitsmethode – zum Anderen wird mit dem im Focusingprozess erlebten „felt sense“ auf eine Erfahrungsqualität Bezug genommen, die durchaus spirituelle Dimensionen annehmen kann, gleichzeitig aber frei ist von jeglich spirituellem Gedankengut.

Spiritualität

Im Wesentlichen umfasst Spiritualität eine innerlich empfundene Beziehung mit einem Lebenssinn, etwas Geistigem oder Göttlichem. Die Beziehung wird als Erlebnis von Verbundenheit mit allem Dasein, zum Menschen, zur Natur bis hin zum Kosmos erlebt. Sie bedingt eine Öffnung, jenseits von ausschliessenden Glaubenssätzen oder verkündeten Dogmen und jenseits von Ansprüchen, die vom eigenen Ego her stammen. In diesem Sinne werden alte, möglicherweise verkrustete Haltungen und Vorstellungen zugunsten einer empfundenen, begriffenen und gelebten Verbundenheit mit Mitmensch, Natur und Kosmos aufgegeben. Spiritualität gründet auf der Einsicht in die Natur aller Daseinserfahrungen. Das Tor dazu ist die Achtsamkeit.

Achtsamkeit

Das Konzept der Achtsamkeit, wie es heute landläufig verstanden wird, stammt ursprünglich aus der buddhistischen Tradition und ist in den vergangenen Jahrzehnten von vielen psychotherapeutischen Schulen aufgenommen worden (siehe Heidenreich. & Michalak, 2004). Im Wesentlichen bedeutet Achtsamkeit das aufmerksame, absichtslose und akzeptierende Beobachten sämtlicher Wahrnehmungen, ohne diese zu bewerten, zu deuten oder unmittelbar darauf zu agieren.

Focusing

Eine ausgearbeitete, körperbezogene Achtsamkeitsmethode wird im Focusing vermittelt (Gendlin, 1987). Eugene Gendlin, der Begründer des Focusing, hat die Methode nicht aus der fernöstlichen Achtsamkeitspraxis entwickelt, sondern aus empirischen Studien über die Funktion des Erlebens im therapeutischen Prozess und auf der Basis seiner erlebensbezogenen philosophischen Grundhaltung „extrahiert“. Die Parallelen mit fernöstlichen Meditationsmethoden sind frappant. Trotzdem bestehen Unterschiede, wie die Ausführungen von Camill Behrle (1999) deutlich machen.

„Wir wünschen uns ein Ich, das flexibel mitgehen kann mit allen Wahrnehmungen. Es sollte von dem, was auf es zukommt, sich weiten lassen, um es wieder ausströmen zu lassen. Eben das üben wir mit Meditation und Focusing gleichermassen. Die Meditation konzentriert sich auf die Kontinuität im Wechsel: Gedanken, Bilder, Stimmungen, Gefühle, Impulse dürfen kommen und – vor allem – wieder gehen. Focusing sucht die Veränderung innerhalb der Kontinuität. Das Ich leiht dem Subtilen im Körperinneren möglichst uneingeschränkte Aufmerksamkeit, um einen Schlüssel oder Kanal daraus freizusetzen, durch welches dies Subtile dem Ich sich öffnen und/oder sich annähern kann … Der Meditierende übt die Offenheit an sich. Der Fokussierende übt sich in der Öffnung für das unbenannte Ungenannte. …“

Gehen wir etwas näher auf das Konzept des Focusing ein. Im Focusing wird eine körperlich erlebte Gestimmtheit auf eine bestimmte Situation, ein Problem oder ein Aspekts des Lebens, achtsam wahrgenommen und absichtslos beobachtet. Die körperliche Gestimmtheit umschreibt Gendlin (Gendlin, 1998, S. 38) mit dem Begriff des „felt sense“, den ich selber gerne mit „gespürter Sinnhaftigkeit“ übersetze, weil dadurch der körperbezogene Aspekt deutlich wird.

Der felt sense

Der „felt sense“ wird als eine Art körperbezogener Resonanz auf die Situation erlebt, in welcher ein Mensch gerade eingebettet ist. Körper und Situation bilden eine untrennbare Einheit, und gleichzeitig ist der Körper „Brennpunkt“, durch welchen ebendiese situationsbezogene Gestimmtheit wahrnehmbar wird. Der „felt sense“ ist bereits vor unseren Gedanken, Gefühlen oder Fantasien da, die selber bereits einen bestimmten Symbolisierungsgrad besitzen. Beim „felt sense“ ist alles noch subtil und uneindeutig. Er hat eine geheimnisvolle und daher mysteriöse Qualität, die vom Ichbewusstsein manchmal auch als numinos erlebt wird. Und wie das Numinose (siehe Otto, R. 1979) kann der „felt sense“ nicht mittels Empirie, Phänomenologie oder Hermeneutik beschrieben werden. Er lässt sich nur unzulänglich mitteilen und ist alleine mittels achtsamer Kontemplation erlebbar, und zwar körperlich, dort, wo die Dinge noch am Werden sind, jenseits unserer bisherigen Gedanken- und Vorstellungswelt.

(Bezeichnenderweise beschreibt Ken Wilber (1988, nach Bucher, 2007, S. 65) drei Erkenntniswege, von denen sich bis heute in der Humanwissenschaft nur zwei etablieren konnten. Als erste nennt er die Empirie, die sich auf Sinnesdaten bezieht, die möglichst numerisch kodiert werden müssen. Als zweiten Weg nennt er die Phänomenologie und Hermeneutik, die sich ums Verstehen bemühen. Als dritten Erkenntnisweg nennt Wilber die Kontemplation, wie sie in der Meditation vorkommt. Der „Untersuchungsgegenstand“ ist hier die spirituelle Erfahrung selber, die sich nur unzulänglich mitteilen lässt und trotzdem für den Mensch höchste Realitätsnähe besitzt.)

Dieses Werden ist aber nicht irgendetwas, bei welchem das Individuum ausserhalb steht – das Individuum steht als lebendiges Subjekt mitten drin, und als Subjekt reagiert es ganz individuell darauf, ist Teil davon, lebt mit. Es ist ein „lebensspendendes“ und gleichzeitig einzigartig „inspiriertes“ Werden, welches in der Begegnung mit dem „felt sense“ erfahrbar wird. An dieser Stelle berühren sich Focusing und Spiritualität.

„Spiritualität kann man verstehen, als eine Ausrichtung der menschlichen Existenz auf einen übergreifend heilsam befreienden Wirklichkeitsgrund.“ (Seitlinger, 2008)

Den heilsamen, befreienden Wirklichkeitsgrund finden wir auch beim bewussten Erleben des „felt sense“ wieder. Die Erfahrung, dass dem Organismus eine natürliche Tendenz zu Wachstum und Entwicklung innewohnt, wird häufig als Befreiung, manchmal als Wunder erlebt. Und Wunder neigen bekannterweise dazu, in göttliche Nähe gerückt zu werden. Dann wird das Wunder gerne als „Gnade“ gedeutet.

Fortsetzungsordnung

Gendlin hingegen reiht das Wunder in das von ihm beschriebene Phänomen der Fortsetzungsordnung ein: das Verweilen mit dem, was gerade jetzt körperlich spürbar ist, bringt erlebbare Entwicklungsschritte hervor, die eine positive, lebensfördernde Wachstumsrichtung haben. Natürlich kann erlebte Fortsetzungsordnung als göttliches oder geistiges Prinzip interpretiert werden, je nachdem, was für einen religiösen Hintergrund der Erlebende mitbringt. Focusing an sich nötigt aber keine spirituelle Einstellung. Es kann durchaus profanen Angelegenheiten dienen und ist frei von jeglicher spiritueller oder religiöser Haltung. Ebenso kann es aber auch als Gefährt diesen, welches zu spirituellen Erfahrungen verhilft, wenn der Focussierende dafür offen ist.

Fazit

Da der „felt sense“ von Natur aus eine inspirierend Qualität und Dynamik mitbringt, kann die kontemplative Begegnung mit ihm als spirituelle Erfahrung gewürdigt werden, was auch oft geschieht. Die spirituelle Qualität wird aber auch von der Haltung des Focusing betreibenden Menschen mitbedingt, denn der „felt sense“ reagiert unmittelbar auf jede Bewusstseinsnuance, die wir mitbringen. Unsere Haltung ist demnach auch Aspekt der Situation, in welcher wir uns befinden, und da der „felt sense“ immer auf die ganze und zugleich individuelle Situation „antwortet“, bleibt ein Geheimnis zurück – ein Geheimnis, welches in seiner Unlösbarkeit befreiend und zugleich wundersam bleibt.

Literatur

Behrle, C. (1999). Wenn ich auf mein Meditieren fokussiere … . Focusing-Journal 3, DAF 1999.

Bucher, A. (2007). Psychologie der Spiritualität. Weinheim: Beltz.

Gendlin, E. (1998). Focusing-orientierte Psychotherapie: ein Handbuch der erlebensbezogenen Methode. München: J. Pfeiffer.

Gendlin, E. (1981). Focusing: Technik der Selbsthilfe bei der Lösung persönlicher Probleme. Salzburg: O. Müller.

Buchheld, N. & Walach, H. (2001) Achtsamkeit in Vipassana-Meditation und Psychotherapie. In W. Beschner, J. Gluska, H. Walach & E. Zundel (Hrsg.). Perspektiven transpersonaler Forschung: Jahresband 1 des DKTP. Oldenburg: bis.

Heidenreich, T. ,Michalak, J. (Hrsg.) (2004). Achtsamkeit und Akzeptanz in der Psychotherapie. Tübingen: dgvt.

Otto, R. (1979). Das Heilige : über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen. München: Beck.

Seitlinger, M. (2008). Einleitung. In M. Seitlinger (Hrsg.) Was heilt uns? Zwischen Spiritualität und Therapie. Freiburg: Herder.

Solé-Leris, A. (1994). Die Meditation, die der Buddha selber lehrte: wie man Ruhe und Klarheit gewinnen kann. Freiburg im Breisgau: Herder.

Suzuki, S. (1975). Zen-Geist, Anfänger-Geist: Unterweisung in Zen-Meditation. Zürich: Theseus.

Wilber, K. (1988). Die drei Augen der Erkenntnis. auf dem Weg zu einem neuen Weltbild. München: Kösel.

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Am 6. Oktober 2009 veröffentlicht. Noch kein Kommentar

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6. Oktober 2009

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